Wie kann man Schülerinnen und Schülern Religion näherbringen, wenn selbst grundlegendes Wissen über den eigenen oder fremden Glauben zunehmend fehlt? An der Heinrich-Böll-Schule in Fürth geht man dabei einen besonderen Weg: Mit speziell zusammengestellten Lernkoffern soll Religion greifbar, erfahrbar und zum Anlass für gemeinsame Gespräche werden.

Über Religion zu sprechen, ist nicht immer einfach. Noch schwieriger kann es sein, einen anderen Glauben zu verstehen oder einen Bezug zum eigenen Alltag herzustellen. Häufig stehen dabei zunächst Vorurteile im Raum. Genau hier setzt die Lernbox „Islamische LebensArt“ an. Entwickelt wurde sie vom Islamwissenschaftler Shafe Ahmad Pal und Schulpfarrerin Barbara Holzapfel-Hesselmann. Herausgekommen ist eine Sammlung verschiedener Gegenstände und Materialien, die Schülerinnen und Schüler dazu einlädt, sich dem Islam auf eine besondere Weise zu nähern.

Wie vielfältig die Materialien sind, zeigt ein Blick in die Box: In einer eigens angefertigten Holzkiste befinden sich beispielsweise die fünf Säulen des Islam, die als einzelne beschriftete Holzsäulen dargestellt sind. Die passende Holzbox wurde von Rainer Arnold, ebenfalls Lehrer an der Heinrich-Böll-Schule, angefertigt. Daneben finden sich unter anderem ein bunter Gebetsteppich und verschiedene Gewürze. Auch das Thema „erlaubt und verboten“ wird über konkrete Gegenstände greifbar. Auf einem roten Tuch liegen beispielsweise Gummibärchen mit Schweinegelatine, eine kleine Flasche Wein und Zigaretten, also Gegenstände, die im Islam als verboten gelten. Auf einem grünen Tuch finden sich dagegen erlaubte Lebensmittel, etwa Gummibärchen ohne Schweinegelatine. Die Schülerinnen und Schüler können die Gegenstände zunächst betrachten, anfassen und eigene Vermutungen anstellen, bevor die Lehrkraft die entsprechenden Hintergründe erklärt.

Dabei geht es bewusst nicht darum, den Schülerinnen und Schülern zu jedem Gegenstand sofort eine fertige Erklärung zu präsentieren. Vielmehr steht zunächst das eigene Entdecken im Mittelpunkt. Die weiterführenden Informationen erhalten die Schülerinnen und Schüler anschließend durch die Lehrkraft. Für diese gibt es ein 25-seitiges Begleitheft mit Hintergrundinformationen und Anregungen für den Einsatz im Unterricht. „Wenn ich etwas mit allen Sinnen erfahre, kann ich mich leichter auf eine andere Sichtweise einlassen“, erklärt Holzapfel-Hesselmann. Die Lernbox soll Interesse wecken, Fragen zulassen und vor allem dazu einladen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Religionen kennenlernen und gegenseitig Verständnis fördern

Die Lernbox verfolgt dabei nicht das Ziel, Religion lediglich in Form von Faktenwissen zu vermitteln. Vielmehr soll sie Schülerinnen und Schüler dazu anregen, religiöse Aspekte auch mit dem eigenen Leben in Verbindung zu bringen. Was bedeutet Religion im Alltag? Welche Gegenstände, Rituale oder Traditionen spielen eine Rolle? Und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gibt es zu den eigenen Erfahrungen? Gerade diese Fragen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gegenseitiges Verständnis zu fördern. „Wir wollen nicht nur über Religion sprechen, sondern einen Zugang schaffen, der neugierig macht“, so die Schulpfarrerin und Lehrerin.

Die „Islamische LebensArt“ gibt es trotz der individuellen Zusammenstellung gleich dreimal. Auch für das Christentum entsteht derzeit eine entsprechende Lernbox. Im schulischen Alltag stellen die Religionslehrkräfte nämlich zunehmend fest, dass selbst grundlegendes Wissen nicht mehr selbstverständlich ist. Deshalb hat die Pädagogin bereits ein inhaltliches Gerüst für den Koffer „Christliche LebensArt“ entwickelt. Die konkreten Materialien sollen in den kommenden Wochen zusammengetragen werden. Dabei wird die christliche Box bewusst keine einfache Wiederholung klassischer Unterrichtszusammenfassungen sein. Auch hier soll es darum gehen, Religion über konkrete Erfahrungen zugänglich zu machen und Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken und Austauschen anzuregen. Von der „Christlichen LebensArt“ wird es zunächst zwei Koffer geben.

Begeisterung auch im Kirchlichen Schulamt

Auch Silke Hagemann, Leiterin des Kirchlichen Schulamtes, zeigt sich von dem Konzept begeistert. Besonders die greifbare und anschauliche Umsetzung des Themas Islam überzeugt sie. Gleichzeitig blickt sie mit Vorfreude auf die Fertigstellung der christlichen Lernbox, die einen ganz eigenen Zugang zum Thema ermöglichen soll. Religion wird auf diese Weise nicht nur zum Unterrichtsthema, sondern zum Ausgangspunkt für Begegnungen, Interesse und gegenseitiges Verständnis.

Schüler/innen der 10. Klasse bei einem Workshop über Religion im Klassenraum

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